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Scheinfabrik Rottberg

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M.Reuter
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New PostErstellt: 10.01.13, 18:17  Betreff: Scheinfabrik Rottberg  drucken  Thema drucken  weiterempfehlen

Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit der Geschichte Dilldorfs befasst und alles, was ich an Wissenswertem gefunden habe, an anderer Stelle im Netz öffentlich gemacht.
Nun bin ich vor Weihnachten über eine Notiz in den "Werdener Nachrichten" gestolpert. Dort gab es ein Rätsel zum Thema "Krupp", und in dem Zusammenhang heißt es:
"Die Engländer sind tatsächlich auf die Scheinfabrik in Kupferdreh-Dilldorf hereingefallen."
Es handelt sich um die Zeit des 2. Weltkrieges. Ich habe keine Ahnung, was hier gemeint ist und beim Redakteur der WN nachgefragt. Der wusste aber auch nur, dass diese Aussage aus einem der vielen Bücher über Krupp stammt. Das hilft also nicht weiter.
Hat hier vielleicht jemand je von einer "Scheinfabrik" in Dilldorf gehört?


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Magdalena Reuter
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[editiert: 07.09.13, 11:37 von BFD]
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M.Reuter
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New PostErstellt: 11.01.13, 14:37  Betreff: Re: Wer weiß es?  drucken  weiterempfehlen

Hallo Herr Hartner,

vielen Dank für die ausführliche Information. Es scheint, dass in der Krupp-Dokumentation der Begriff "Dilldorf" sehr weit gefasst wurde. Selbst wenn man Rodberg einbezieht. Aber allein der Fakt, dass es solche Scheinanlagen zum Schutz von Krupp gab, ist doch hochinteressant.
Die Menschen, die um diese Scheinfabrik lebten, hat man wohl nicht gefragt. Das waren dann die potentiellen "Kollateralschäden".

Schönen Gruß, M. Reuter


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M.Reuter
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New PostErstellt: 11.01.13, 14:41  Betreff: Panne  drucken  weiterempfehlen

Mit dem Einstellen des letzten Beitrages verschwand der Beitrag von Herrn Hartner, auf den er sich bezog. Damit sind wertvolle Informationen weg. Ich hatte leider noch keine Kopie gezogen.
Herr Hartner, oder sonst jemand, der eine Kopie hat: Bitte hier posten!


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R. Hartner
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New PostErstellt: 12.01.13, 17:40  Betreff: Re: Wer weiß es?  drucken  weiterempfehlen

Ist ja schwierig so ein Forum
Ich schreibe, kopiere aber nicht.


Also noch einmal....

Die Scheinanlage befand sich an der Rodbergerstr. (also teils Velberter Gebiet) in etwa wo es von der Wechselbar/Hubertushöhe Richtung Autobahn geht, auf der linken Seite.
Der Schalt-Bunker steht noch heute, und ist ein Stall geworden.

Die Anlage hatte den Zweck, die Bomberverbände von Krupp abzulenken.
Wie groß die Anlage genau war, keine Ahnung.
Man kann wohl annehmen, das die gesamte heutige Wald-/Wiesenfläche bis rüber zum Weubelshof dafür diente.

Wikipedia schreibt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Velbert
Die Luftwaffe betrieb von 1941 bis 1944 auf dem Rottberg eine Nachtscheinanlage zur Ablenkung feindlicher Bombenangriffe. Diese Nachtscheinanlage war eine vereinfachte Nachbildung der Essener Kruppwerke, von denen sie ablenken sollte. Die Scheinanlage war bis Anfang 1943 wirksam, war aber für die umliegenden Bauernhöfe eine permanente Gefahr. Nachdem die Anlage durch die alliierte Luftaufklärung erkannt war, wurde sie Anfang 1944 stillgelegt. Auf dem benachbarten Pollen wurde im Zusammenhang eine schwere Flakbatterie eingerichtet und betrieben.

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M.Reuter
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New PostErstellt: 12.01.13, 19:15  Betreff: Re: Wer weiß es?  drucken  weiterempfehlen

Danke, dass Sie den Beitrag noch einmal gepostet haben! Ich habe ihn jetzt vorsichtshalber gesichert
Gruß, M. Reuter


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New PostErstellt: 05.09.13, 08:45  Betreff: Re: Wer weiß es?  drucken  weiterempfehlen

Ganz plötzlich ist das Thema "Scheinanlage" ganz aktuell! Wir haben eine Mitteilung aus Velbert bekommen, dass die Anlage am 8.9.2013 besichtigt werden kann, am "Tag des offenen Denkmals". Alles weitere dazu unten in den Dateianlagen. Eine interessante und (derzeit) einmalige Gelegenheit, dieses wenig bekannte Relikt unserer Geschichte in Augenschein zu nehmen!


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[editiert: 05.09.13, 08:46 von BFD]



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New PostErstellt: 05.09.13, 09:07  Betreff: Scheindorf: Buch  drucken  weiterempfehlen

Bereits 2012 erschien ein Buch von Jürgen Lohbeck über das Scheindorf am Rottberg:
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2295

Vom selben Autor: "Der Krieg vor unserer Haustür"
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2448

Nachtrag: Die Bücher sind z.Z. leider vergriffen.


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[editiert: 14.12.13, 09:36 von BFD]
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M.Reuter
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New PostErstellt: 08.09.13, 19:22  Betreff: Re: Scheinfabrik  drucken  weiterempfehlen

Eigentlich hatte ich angenommen, heute ziemlich allein auf dem Rottberg zu sein, zumal das Wetter wirklich abschreckte. Ziemlich allein war ich aber nur mit meinem Essener Autokennzeichen – die Rottberger Straße war von der Autobahn bis zur Einmündung Ludscheidtstraße einseitig von ME zugeparkt, und auch der anvisierte Parkplatz vor Ort war fast voll.
Das Thema "Scheinanlage" (auch "Scheinfabrik" oder "Scheindorf") hat Essen offensichtlich nicht erreicht. Richtig Glück, dass das Thema in unserem Forum von den Veranstaltern entdeckt wurde und ich noch rechtzeitig eine Information bekam, so konnten wir den Termin wenigstens noch kurzfristig aufnehmen.
Bedauerlich, dass nicht in unseren üblichen Medien erscheint, was sich in unmittelbarer Nähe tut – nur, weil eine Stadtgrenze dazwischen liegt!
Über 1200 Besucher sollen es gewesen sein, die um und durch den ehemaligen Leitbunker geschleust wurden. Dabei zeigten sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter (Landschaftsverband Rheinland - Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland) sehr professionell und flexibel – hatte man doch nicht mit mehr als 10 Personen jeweils gleichzeitig gerechnet!
Falsch kalkuliert (wie hätte man es auch ahnen können?) hatte der Veranstalter auch bei der Wahl des Ortes für den Lichtbildervortrag am Spätnachmittag – erst das Parkproblem, dann ein völlig überfülltes Lokal weit vor dem Beginn der Veranstaltung. Also musste ich wieder zurück nach Hause, was ich sehr schade fand, denn die umfassende Information fehlt mir jetzt. Bleibt also nur für mich und andere Interessierte, das weiter oben erwähnte Buch über die Anlage zu kaufen. Das gab es übrigens auch nicht mehr – nur noch als Ansichtsexemplar. Erster Eindruck: Die Investition lohnt sich, wenn man sich für das Thema interessiert.

Ob es zutrifft, dass die Anlage auch auf Dilldorfer Gebiet stand, konnte ich heute leider nicht zu 100 Prozent herausfinden. Die einzelnen Teile waren aber weit verstreut, der Hauptteil befand sich am Velberter Asbachtal, das sich bekanntlich ja in das Dilldorfer Asbachtal fortsetzt. Es wird also vermutlich so sein, wie die "Werdener Nachrichten" es schrieben – eine Scheinfabrik in Kupferdreh-Dilldorf, übergreifend auf Velberter Gebiet, oder umgekehrt, egal. Auf jeden Fall betrifft es uns Dilldorfer irgendwie.

Bei den Attrappen handelte es sich um eine Nachtscheinanlage aus Holz und einfachen, niedrigen Nachbauten der Krupp'schen Gussstahlfabrik. Aus der Luft war die geringe Höhe ( 1-2 m) nicht zu erkennen, die Angriffe kamen zudem bis gegen 1942 nur nachts, und da leuchtete und dampfte die Anlage wie ein großes Werk. Deshalb war auch die Ausdehnung über mehrere Kilometer nötig – mit nur vereinzelten Bauten, die in der Nacht aber wie ein Ganzes schienen. Selbst eine Eisenbahn fuhr im Kreis, sobald ein Fliegerangriff gemeldet wurde.
Die gesamte Technik wurde von einem Leitbunker aus gesteuert, der immer noch steht und heute besichtigt werden konnte. Durch das Eingreifen des damaligen Bauern wurde er nach dem Krieg nicht zerstört wie fast alle anderen seiner Art, hat also besonderen Wert und wurde deshalb nun unter Denkmalschutz gestellt.

Die Nachtscheinanlage lenkte bis etwa 1943 die Fliegerangriffe erfolgreich von der Firma Krupp ab, danach war die Technik der Alliierten so weit entwickelt, dass sie nicht mehr darauf hereinfielen. Die Anlage wurde sinnlos. Profitiert von ihrem Ende haben die Rottberger – sie mussten nämlich vorher Nacht für Nacht ihre Häuser und Höfe verlassen, damit sie nicht von den Bomben getroffen wurden.

Meine Empfehlung für Interessierte: Die nächste Chance nutzen! Das kann natürlich dauern....
Ich werde die Velberter Arbeitsgruppe auf jeden Fall bitten, vor einem neuen Termin die Essener Presse zu informieren.

Weiter unten gibt es ein paar Fotos von heute. Da ich die Teilnehmer nicht um Erlaubnis für die Veröffentlichung fragen konnte, habe ich sie unkenntlich gemacht.

Nachtrag 10.9.13: Inzwischen habe ich erfahren, dass die Essener Presse sehr wohl informiert war. Offenbar erschien das Projekt unseren Medienleuten nicht eine Zeile wert....


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Magdalena Reuter
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[editiert: 10.09.13, 12:21 von M.Reuter]



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M.Reuter
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New PostErstellt: 08.09.13, 20:04  Betreff: Scheinfabrik - Zeitzeugen?  drucken  weiterempfehlen

Nicht nur mich interessiert es, sondern vor allem die Mitarbeiter, die die Scheinanlage zum Denkmal gemacht haben: Gibt es noch Zeitzeugen, Menschen, die etwas aus eigener Erfahrung sagen können? Alte Dilldorfer können sich vielleicht noch erinnern. Bitte melden Sie sich dann bei uns, wir leiten weiter!

Hier noch ein Link zum Thema:
http://www.lokalkompass.de/velbert-langenberg/leute/blick-in-den-bunker-d337729.html


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[editiert: 08.09.13, 20:07 von M.Reuter]
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J.Lohbeck
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Beiträge: 1
Ort: Velbert-Langenberg

New PostErstellt: 26.09.13, 01:43  Betreff: Re: Scheinfabrik Rottberg  drucken  weiterempfehlen

Sehr geehrte Frau Reuter, sehr geehrte Dilldorfer Nachbarn,

hier wie versprochen nun die „Basisinfo“ zur ehemaligen Kruppschen Nachtscheinanlage auf dem Rottberg.

Ich stelle mich kurz vor: Mein Name ist Jürgen Lohbeck, ich bin 50 Jahre alt, Velbert-Langenberger Bürger und in meiner Freizeit seit vielen Jahren geschichtlich/heimatgeschichtlich tätig. Seit 2012 bin ich zudem ehrenamtlicher Mitarbeiter im Landschaftsverband Rheinland - Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, und Buchautor.

Am „Tag des offenen „Denkmals 2013“ war der ehemalige Leitbunker der Anlage erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich, vielleicht hatte ja der eine oder andere von Ihnen Gelegenheit für einen Besuch? Unser anschließender Vortrag „Das vergessene Scheindorf in Velbert“ konnten dann nur noch wenige Interessenten verfolgen, weil das Platzangebot dem unterwartet großen Andrang nicht gerecht werden konnte – hierfür möchten wir uns nochmals entschuldigen, wobei den Gastwirt der „Wilhelmshöhe“ keine Schuld traf, er wurde genauso „überrollt“ wie wir. Wir werden den Vortrag zu gegebener Zeit nochmals wiederholen und dazu rechtzeitig informieren.

Seit Anfang 2012 sind wir als Team ehrenamtlicher Mitarbeiter des LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland mit Erforschung und Dokumentation der Anlage beschäftigt, der eine oder andere von uns auch schon länger – ich wusste vieles von der Anlage aus den Erzählungen meines Vaters, der am Nieding aufgewachsen ist.

Ende 2011 sind meine heutigen Kollegen Helmut Grau und Sven Polkläser im Krupp-Archiv auf Dokumente zum Scheindorf gestoßen, bereits seit 2008 besaß ich historische Kriegsluftbilder, und auch Josef Niedworok hatte Informationen – so ließ sich 2012 alles zu einem Gesamtbild zusammenfügen, und letztendlich ist auch unsere Arbeitsgruppe so zusammengekommen, die sich mit vielfältigen Themen befasst, von der der Scheinanlage nur eines ist.

Heute verfügen wir über einen über vielfältige Quellen gesicherten Informationsstamm. Wichtige Quellen sind die alliierten Aufklärungsluftbilder des Rottberges und der Region ebenso wie die bereits erwähnten Dokumente aus dem Krupp-Archiv. Auch haben wir etliche Zeitzeugenaussagen aufnehmen können, mit denen nahezu alle Informationen gegenseitig bestätigt werden und die ein eindrucksvolles, aber sicherlich auch beklemmendes Bild der damaligen Situation liefern.

Doch sind unsere Forschungen noch nicht am Ende, was uns zum Beispiel immer noch fehlt, sind zuverlässige Aussagen der ehemaligen „Betreiber“, also der Soldaten, die in der Scheinanlage Dienst taten. Es wird schwer sein, diese noch zu erfahren. So liegen uns auch keine verbindlichen Erkenntnisse vor, wie die Technik zur Steuerung der Anlagen im ehemaligen Leitbunker genau aufgebaut war. Auch gibt es bisher nur ein einziges uns bekanntes Foto der Scheinanlage aus der „Normalperspektive“, also nicht als Luftaufnahme. Ob irgendwo noch mehr „schlummern“?

Wer über die im nachstehenden Text zu findenden Informationen noch weitere hat, wer historische Fotos der Anlage besitzt, oder wer tatsächlich noch Zeitzeuge ist, wird gerne um Kontaktaufnahme gebeten: Telefon 02052-928440.

Nun aber zum Kernthema: Die ehemalige Kruppsche Nachtscheinanlage auf dem Rottberg – Das vergessene „Scheindorf“. Auf einzelne Quellenangaben verzichte ich hier, bei Bedarf können Quellen in meinen Büchern eingesehen oder gerne bei mir erfragt werden.

Viele Grüße

Jürgen Lohbeck

Wolfgang Erley, Dr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok, Sven Polkläser

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Kurzgeschichte
Die Kruppsche Nachtscheinanlage wurde im Jahr 1941 ca. 3km nordöstlich der Stadt Velbert auf dem Velberter Rottberg errichtet. Einzelne Anlagenteile dehnten sich bis in das Asbachtal und in angrenzendes Essener Gebiet aus (Ludscheidt, Rodberger Straße).

Die Anlage war eine mit einfachsten Mitteln errichtete Attrappe der Kruppschen Gußstahlfabrik in Essen, hierzu weiter unten mehr. Sie sollte Bombenangriffe auf das ca. 10km entfernt liegende Gussstahlwerk in Essen abhalten, was von 1941-1943 auch weitestgehend gelang.

Funktionskonzept und Bauweise der Nachtscheinanlage
Auf den Feldern hatte man ab 1941 verschiedene Attrappenbauten errichtet, die eines gemeinsam hatten: Sie sollten den nur nachts angreifenden alliierten Flieger suggerieren, dass sich hier die schlecht abgedunkelte und in Betrieb befindliche Gußstahlfabrik befindet. Hierzu wurden diese Attrappenbauten mit verschiedenen technischen, meist elektrischen Effekten beleuchtet und "befeuert". Das „echte“ Werk und die umliegenden Städte hingegen waren verdunkelt.

Dabei ging man von der Voraussetzung aus, dass die nachts einfliegenden Flugzeuge nur in Grobanpeilung die Ziele anflogen, während die genaue Zielanpeilung visuell erfolgte. Dieses war weitgehend vom Wetter und den herrschenden örtlichen und meteorologischen Verhältnissen abhängig, sowie bei Industriezielen auch von guter Verdunkelung der Licht- und Feuererscheinungen. Wenn das eigentliche Ziel also gut verdunkelt war, das Scheinziel jedoch entsprechende Lichterscheinungen zeigte, konnte durchaus mit Erfolgen gerechnet werden.

Es gab auf dem Rottberg viele Anlagen, die auch in einer echten Fabrik vorhanden waren, nur dass alles eben aus Holz, Spanplatte, Segeltuch und anderen Leichtbaumaterialien gebaut war. Zudem war alles etwas kleiner als das Original.

Die Hauptanlage stand auf dem Rottberg selbst. Hier gab es einen 36m hohen Schornstein mit künstlichen Dampfschwaden, verschiedene andere Anlagennachbauten mit künstlichen Lichteffekten, die Gießereifeuer und Schweißarbeiten nachbilden sollten, und sogar eine 2-gleisige kleine Eisenbahn mit zwei Zügen, die im Kreis fuhren. Auch diese war nachts „dezent“ beleuchtet, auf den Anhängern wurden Lichteffekte erzeugt, die glühende Schlacke vortäuschen sollten. Die Lokomotiven waren umgebaute Feldbahnloks mit Dieselantrieb, die während der Angriffe unbemannt fuhren.

Im Gelände gab es viele Scheddach-Attrappen, die teils auch weiter weg gelegen waren, sie sollten Fabrikhallen nachbilden, diese Dächer waren aber ungefähr nur mannshoch. Auch sie waren beleuchtet. Ebenfalls etwas abgesetzt gab es noch einen kleinen Gasometer. Die Anlagen waren abgesehen von ihrer nächtlichen Beleuchtung und „Befeuerung“ abgetarnt und eher unauffällig, so dass sie tagsüber aus der Luft schlecht erkennbar waren.

Die technischen Bestandteile der Scheinanlage, offiziell nannte man sie „Täuschungsgeräte“, waren nach „Regelbauplänen“ gebaut, hierzu gab es eine eigene Dienstvorschrift, die „Bau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen“. Darin sind insgesamt 21 verschiedene Täuschungsgeräte definiert und mit Bauplänen, Materiallisten etc. dokumentiert.

Die durch die Scheinanlage in Anspruch genommene Fläche betrug etwa 2,5 x 1,5km. Dabei waren die Anlagen aber nur „partiell“ aufgebaut, und nicht etwa flächendeckend wie ein echtes Werk. Die nächtlichen Effekte genügten hier aber wohl, um das echte Werk vorzutäuschen.

Etwas abgelegen vom Rottberg wurde ein schwerer Leitbunker gebaut, auch dieser lag inmitten von Attrappenanlagen. Von ihm aus wurden die elektrischen Schaltungen vorgenommen, und hier fand das Führungspersonal auch Schutz bei den unvermeidlichen Angriffen. Der im Beton ausgeführte Leitbunker maß außen ca. 9,10m x 6,60m, hatte eine Wandstärke von 1,10m, eine Deckenstärke von 1,40m und enthielt einen ca. 6,90 m X 4,40m großen Schutzraum. Damit konnte er als „bombensicher“ gelten. Der Eingang war durch ein Splitterschutzlabyrint geschützt. An der anderen Seite des Bunkers gab es einen Notausstieg. In jeder Wand des Bunkers war eine treppenförmige, mit Stahlschartenschiebern verschließbare Beobachtungsscharte angebracht. Vom Leitbunker aus konnten wegen dessen überhöhter Lage nahezu alle Bestandteile der Scheinanlage eingesehen werden, was für Betrieb und Führung der Anlage wichtig war.

An verschieden Stellen innerhalb der Scheinanlage wurden im weiteren Kriegsverlauf so genannte Scheinsignalraketen positioniert. Diese wurden bei sich annähernden Flugzeugen auf ca. 2.000n Höhe hochgeschossen und waren so beschaffen, dass sie den von den britischen Pfadfinder-Flugzeugen abgeworfenen „Christbäumen“ (Zielmarkierung) glichen und die Bomber gezielt zur Anlage lenken sollten.

Die Anlage war militärischer Sicherheitsbereich. Zudem war sie „streng geheim“. Sie wurde vermutlich von der „Organisation Todt“ errichtet (damalige Bautruppe), dann aber von der Luftwaffe betrieben.

Die Anwohner
Die Bauern mussten für die Errichtung der Scheinanlage ihr Land abgeben, notfalls wurden sie auch enteignet. Obwohl wie erwähnt „streng geheim“, durften sich die direkten Anwohner aber relativ frei bewegen, auch durften die Felder weiter so weit wie möglich bestellt werden.

Für die Anwohner des Rottberges und der umliegenden Höfe bedeutete die Anlage natürlich eine konkrete Bedrohung und ein drastischer Einschnitt in das „normale“ Leben, denn sie stellte für die angreifenden Flugzeuge im wahrsten Sinne des Wortes eine überdimensionale nächtliche Zielscheibe dar, auf der die Menschen lebten!

Die behördlichen Vorgaben zur Errichtung solcher Scheinanlagen sahen eigentlich vor, dass zu geschlossenen Ortschaften eine Entfernung von 2km einzuhalten war, zu einzelnen Häusern 1km. Wenn dieses räumlich nicht eingehalten werden konnte, war ein Verfahren zur Evakuierung der Bevölkerung einzurichten, das allerdings nur auf „Notfälle“ zu beschränken war.

Am Rottberg allerdings war dieses „Standard“, denn die Höfe und Häuser lagen teils inmitten der Anlage! So wurde bis ca. Ende 1942 regelmäßig von abends gegen 22 Uhr bis morgens gegen 06 Uhr der Rottberg evakuiert! Dieses ging nach Zeitzeugenaussagen wohlorganisiert, teils sogar mit Bussen. Die Menschen wurden in entfernter liegende Gasthöfe wie die „Wilhelmshöhe“ gebracht, meist aber in Privatquartiere nach Velbert, Langenberg und Kupferdreh.

Ganz offenbar gab es hier Anordnungen von „hoher Stelle“, welche das Schutzobjekt, in diesem Fall die Kruppsche Gußstahlfabrik, über die Bauern und Anwohner auf dem Rottberg stellte.

Nach Zeitzeugenaussagen sind direkt innerhalb der Scheinanlage, anders als „außen herum“, keine Menschen körperlich zu Schaden gekommen, wohl aber teils erhebliche Sachschäden entstanden.

Die Wirksamkeit
Die Anlage erfüllte 1941 / 1942 ihren Zweck und wurde häufiger angegriffen, allerdings niemals mit einem flächendeckenden großen Angriff. Eher dürfte sie zur „Verwirrung“ geführt haben. Auf die Anlage wurden dennoch viele Bomben abgeworfen, sowohl Sprengbomben als auch über 5.000 Stabbrandbomben. Es fielen zudem etliche schwere Bomben und auch Luftminen in die angrenzende Region, wo dann teils auch Opfer zu beklagen waren – Nieding, Asbachtal, Langenberg …. auch diese wurden von der Bevölkerung als „dem Scheindorf geltend“ gewertet. Über Dilldorf und Kupferdreh haben wir bisher leider keine Angaben.

Bereits 1942 gab es einen alliierten Aufklärungsbericht über die Anlage, und ab 1943 konnten sich die Flieger dann soweit orientieren, dass sie nicht mehr die Scheinanlage angriffen, sondern das echte Werk. Erstmals im Frühjahr 1943 wurde die Gußstahlfabrik massiv und mit „Erfolg“ angegriffen, dann jedoch in zunehmendem Maße und mit letztendlich zerstörerischer Wirkung. Hatte die Scheinanlage bis dahin ihren Zweck mehr oder weniger erfüllt, so war ihre Zeit spätestens zu diesem Zeitpunkt vorbei. Die Anlage wurde dann Anfang 1944 stillgelegt.

Was ist übrig
Direkt nach dem Krieg wurde die Anlage von der Bevölkerung abgebaut und „verwertet“. Noch heute findet man auf dem Rottberg vielfach die Eisenbahnschienen der Scheineisenbahn – als Zaunpfähle.

In Deutschland gab es um 300 Scheinanlagen, die jedoch im wahrsten Sinne des Wortes alle restlos im Dunkel der Geschichte verschwunden sind – fast nichts hat sich davon erhalten, was sicherlich auch daran liegt, dass die Thematik damals „geheim“ war.

Zu jeder der Anlagen gehörte ein Leitstand / Leitbunker, auch diese sind aber so gut wie restlos beseitigt worden. Der ehemalige Leitbunker der Kruppschen Nachtscheinanlage aber entging nur durch Zufall der für ehemalige Militäranlagen obligatorischen Sprengung durch die Besatzungstruppen und ist über die Jahrzehnte unbeschädigt erhalten geblieben.

Diese Bunkeranlage ist in Deutschland damit einer der ganz wenigen Überreste einer solchen Scheinanlage überhaupt, weshalb sie historisch quasi einzigartig ist und zwischenzeitlich unter Denkmalschutz gestellt wurde – der Leitbunker ist eingetragenes Denkmal der Stadt Velbert. Die diesbezüglichen Bemühungen hat unsere Arbeitsgruppe Velbert / Heiligenhaus der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Landschaftsverband Rheinland (LVR) – Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, gemeinsam mit dem Eigentümer der Anlage vorangetrieben.

Am „Tag des offenen Denkmals“ 2013 wurde die Anlage erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vorgestellt. Es müssen so um die 1.200 – 1.300 Besucher am Rottberg gewesen sein, was beweist, dass das Thema in der Öffentlichkeit doch mit hohem Interesse aufgenommen wurde.

Weiterführende Quellen und Literatur
http://de.wikipedia.org/wiki/Scheinanlage
http://de.wikipedia.org/wiki/Kruppsche_Nachtscheinanlage

Jürgen Lohbeck: “Das vergessene Scheindorf in Velbert - Die Kruppsche Nachtscheinanlage auf dem Rottberg im Zweiten Weltkrieg 1941–1945“
Scala Verlag, Velbert 2012, ISBN 978-3-9813898-6-9,
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2295

Jürgen Lohbeck: “Der Krieg vor unserer Haustür – Ereignisse, Erlebnisse, Schicksale im Zweiten Weltkrieg in Velbert, Langenberg und Umgebung“
Scala Verlag, Velbert 2013, ISBN 978-3-9813898-9-0,
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2448



J. Lohbeck
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